Zum Inhalt springen

Kann ein Pferd zu viel Heu fressen?

Das Dilemma der modernen Pferdefütterung
10. August 2026 durch
BEST OF HORSE HAY, Corinne Hauser
Heu satt – oder macht zu viel Heu das Pferd dick?

„Ein Pferd kann gar nicht zu viel Heu fressen.“

Dieser Satz hält sich in der Pferdewelt hartnäckig. Und tatsächlich gibt es gute Gründe, Pferden möglichst lange Zugang zu Raufutter zu ermöglichen. Pferde sind darauf spezialisiert, über viele Stunden des Tages faserreiches Futter aufzunehmen.

Trotzdem ist die Aussage in dieser Absolutheit nicht richtig.
Ja, ein Pferd kann mehr Heu und damit mehr Energie aufnehmen, als es benötigt. Ob daraus allerdings ein Problem entsteht, hängt nicht allein von der Kilogrammzahl ab. Entscheidend sind das Pferd, sein Energiebedarf – und vor allem das Heu selbst.

Wie viel Heu frisst ein Pferd freiwillig?
Die Frage klingt einfach, lässt sich aber erstaunlich schwer mit einer einzigen Zahl beantworten.
Eine 2024 veröffentlichte Meta-Analyse wertete 61 wissenschaftliche Publikationen zur freiwilligen Raufutteraufnahme von Equiden aus. Das Ergebnis zeigt deutlich: Die aufgenommene Menge wird von zahlreichen Faktoren beeinflusst. Dazu gehören unter anderem:
  • Körpergewicht und Pferdetyp
  • Raufutterart
  • Nutzung
  • Inhalts- und Nährstoffgehalte
  • NDF-Gehalt
  • Qualität und Verdaulichkeit des Raufutters

  • Weidezugang
  • Haltung und Management

Besonders interessant: Bei höherwertigem beziehungsweise besser verdaulichem Raufutter kann die freiwillige Aufnahme steigen.
Das Pferd frisst also nicht automatisch jeden Tag eine festgelegte Menge seines Körpergewichts.
In einer älteren Untersuchung mit verschiedenen trockenen Raufuttern nahmen Pferde durchschnittlich etwa 20 g Trockensubstanz je kg Körpergewicht auf. Das entspricht rund 2 % des Körpergewichts als Trockensubstanz. Andere Untersuchungen zeigen jedoch deutlich höhere individuelle Aufnahmen.


Annahme: Heu mit 88 % Trockensubstanz (TS)

Aufnahme in % des KörpergewichtsKörpergewichtAufnahme TS/TagTatsächliche Heumenge/Tag
2,0 % TS500 kg10,0 kg TSca. 11,4 kg Heu
2,5 % TS500 kg12,5 kg TSca. 14,2 kg Heu

Der Unterschied: Bereits eine freiwillige Aufnahme von 2,5 statt 2,0 % bedeutet bei einem 500-kg-Pferd rund 2,8 kg mehr Heu pro Tag.

Wichtig: 2 % sind keine automatische Obergrenze. Wie viel ein Pferd tatsächlich frisst, hängt unter anderem von Heuqualität, Fasergehalt, Verdaulichkeit, Energiegehalt, Pferdetyp und Haltung ab.

Jetzt wird es interessant: Denn 14 kg energiearmes, strukturreiches Heu sind 
ernährungsphysiologisch etwas völlig anderes als 14 kg sehr gut verdauliches und energiereiches Heu.

Macht viel Heu also dick? Es kann - muss aber nicht.
Ein Pferd nimmt an Körperfett zu, wenn es langfristig mehr verwertbare Energie aufnimmt, als es verbraucht. Dabei spielt die Heumenge selbstverständlich 
eine Rolle. Aber die Kilogrammzahl allein sagt noch erstaunlich wenig aus.
Ein spät geschnittenes, strukturreiches Heu kann pro Kilogramm deutlich weniger verwertbare Energie liefern als ein jung geschnittenes, blattreiches und hochverdauliches Heu.

Gleich viel Heu – deutlich unterschiedliche Energieaufnahme


Heu A – energieärmerHeu B – energiereicher
Energiegehalt5 MJ/kg TS7 MJ/kg TS
Aufnahme pro Tag12 kg TS12 kg TS
Energieaufnahme pro Tag60 MJ84 MJ
Unterschied


+ 24 MJ/Tag

Das Beispiel ist bewusst vereinfacht, zeigt aber das Grundproblem sehr gut: Das Pferd frisst bei beiden Heupartien exakt dieselbe Menge – nimmt mit Heu B aber 40 % mehr Energie auf.

👉 Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: „Wie viel Heu frisst mein Pferd?“ – sondern: „Was steckt in diesem Heu?“

Deshalb kann „Heu satt“ funktionieren – oder problematisch werden

Ein normalgewichtiges Pferd mit ausreichender Bewegung und einem Raufutter, das zu seinem Bedarf passt, kann mit grosszügigem beziehungsweise freiem Heuzugang sehr gut zurechtkommen. Anders sieht es möglicherweise bei einem 
leichtfuttrigen Pferd aus, das wenig arbeitet und ein sehr energie- und nährstoffreiches Heu erhält. Dann kann aus einer grundsätzlich pferdegerechten 
Idee schnell eine erhebliche Energieüberversorgung entstehen.

👉 Besonders aufmerksam sollte man deshalb bei Pferden und Ponys sein, die bereits übergewichtig sind oder zu Insulindysregulation beziehungsweise Equinem Metabolischen Syndrom (EMS) neigen.

Der wissenschaftliche ECEIM-Konsensus zum Equinen Metabolischen Syndrom empfiehlt bei notwendigen Gewichtsreduktionsprogrammen eine kontrollierte Energiezufuhr. Als Orientierung werden für eine grasheubasierte Reduktionsration etwa 1,25–1,5 % des tatsächlichen Körpergewichts als Trockensubstanz genannt.
Das ist jedoch eine therapeutische Strategie für übergewichtige beziehungsweise stoffwechselgefährdete Tiere und keine allgemeine Fütterungsempfehlung für jedes Pferd.

Aber einfach weniger Heu füttern ist ebenfalls keine gute Lösung

Das Pferd benötigt nicht nur Nährstoffe und Energie. Die Aufnahme von Raufutter erfüllt gleichzeitig wichtige physiologische und verhaltensbiologische Funktionen.
Lange Fresszeiten bedeuten:
  • Kauen, 
  • Speichelproduktion, 
  • Beschäftigung und 
  • eine möglichst kontinuierliche Beschäftigung, d.h. keine längeren Fresspausen aus 5 Std., des Verdauungstraktes.
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen Zusammenhänge zwischen geringen Raufuttermengen beziehungsweise langen Fresspausen und unerwünschten Verhaltensweisen. Auch hinsichtlich der Magengesundheit sind lange Futterentzüge problematisch.

Bereits experimentelle Untersuchungen konnten zeigen, dass Futterentzug beim Pferd rasch zu Läsionen der Magenschleimhaut führen kann.

Das Ziel darf deshalb nicht einfach lauten: "Das Pferd ist zu dick - also geben wir weniger Heu." Sondern "Wie können wir ausreichend Raufutter und Fresszeit ermöglichen, ohne das Pferd mit Energie zu überversorgen?"

Vielleicht ist nicht die Heumenge das Problem – sondern das falsche Heu
Genau deshalb gewinnt die Auswahl des passenden Pferdeheus zunehmend an Bedeutung. Ein leichtfuttriges Freizeitpferd benötigt möglicherweise ein anderes
Raufutter als:
  • ein Sportpferd,
  • ein Pferd im Wachstum,
  • eine laktierende Stute,
  • ein Senior,
  • ein schwerfuttriges Pferd
  • oder ein Pferd mit erhöhtem Energiebedarf.
Für leichtfuttrige Pferde kann ein strukturreiches, energieärmeres Raufutter deshalb wesentlich sinnvoller sein als ein sehr hochwertiges, hochverdauliches Heu in stark reduzierter Menge.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Forschung zu Stroh. In einer kontrollierten Studie konnte der Ersatz eines Teils des Grasraufutters durch hygienisch einwandfreies Weizenstroh die Fresszeit verlängern und gleichzeitig die Energieaufnahme reduzieren. Solche Rationen müssen allerdings fachgerecht zusammengestellt werden und Stroh ist nicht automatisch für jedes Pferd und jede Situation geeignet.

Und was ist mit Zucker und Fruktan?
Auch hier lohnt sich eine differenzierte Betrachtung. Zucker ist nicht grundsätzlich gefährlich oder schlecht. Ein gesundes Pferd muss nicht automatisch möglichst zuckerarmes Heu erhalten. Bei stoffwechselgesunden Pferden ist zunächst die gesamte Ration entscheidend.

Bei Pferden mit Insulindysregulation, EMS oder entsprechender Hufrehegefährdung bekommt der Gehalt an nicht-strukturellen Kohlenhydraten dagegen eine wesentlich grössere Bedeutung.

Deshalb reicht die Information "Das Pferd bekommt 10 kg Heu" nicht für eine Beurteilung der Tagesration aus.

Wir müssten zusätzlich wissen:
  • Wie viel Trockensubstanz enthält das Heu?
  • Wie hoch ist sein Energiegehalt?
  • Wie gut ist es verdaulich?
  • Wie hoch sind Zucker beziehungsweise wasserlösliche Kohlenhydrate?
  • Wie hoch sind NDF, ADF und Rohprotein?
  • Wie ist die hygienische Qualität?
Erst dann lässt sich die Heumenge sinnvoll einordnen.

Der häufigste Denkfehler: Kilogramm Heu mit Futterwert verwechseln
Ein Kilogramm Heu ist eine Gewichtseinheit – keine Aussage über seinen ernährungsphysiologischen Wert. Zwei Ballen können gleich aussehen und gleich viel wiegen und trotzdem sehr unterschiedliche Eigenschaften besitzen: Schnittzeitpunkt, Pflanzenbestand, Vegetationsstadium, Wetter, Düngung, Ernte, Trocknung und Lagerung beeinflussen die Zusammensetzung. Diese Punkte bestimmen den Inhalts- und Nährstoffgehalt. Darum kann ein Pferd mit 12 kg des einen Heus bedarfsgerecht versorgt sein oder mit 12 kg eines anderen Heus deutlich über seinen Energiebedarf liegen.

Ad libitum ist deshalb kein Synonym für „unbegrenzt Kalorien“
Pferdegerechte Fütterung sollte versuchen, zwei Anforderungen miteinander zu verbinden:

  1. möglichst lange und natürliche Raufutteraufnahme und
  2. eine Energie- und Nährstoffzufuhr, die zum individuellen Pferd passt.

Das kann bei einem Pferd tatsächlich bedeuten, Heu nahezu frei verfügbar anzubieten. Bei einem anderen Pferd können gewogene Mengen, Slowfeeder, 
mehrere Futterstellen oder die Kombination geeigneter strukturreicher Raufutter sinnvoller sein. Nicht das Fütterungssystem allein entscheidet - sondern die gesamte Ration.

Wie erkenne ich, ob mein Pferd zu viel bekommt?
Ein wichtiger Indikator ist das Pferd selbst. Körpergewicht und Body Condition Score sollten regelmässig kontrolliert werden. Zusätzlich lohnt sich ein Blick auf regionale Fettdepots, beispielsweise am Mähnenkamm. Steigen Gewicht und Körperfett kontinuierlich an, obwohl sich Bewegung, Haltung und Gesundheitszustand nicht verändert haben, muss die Energiezufuhr überprüft werden. Dann sollte man aber nicht reflexartig das Heu drastisch reduzieren.

👉 Der erste sinnvolle Schritt ist: Das Heu analysieren.
Denn erst wenn wir wissen, was im Heu steckt, können wir beurteilen, ob das Pferd tatsächlich zu viel Heu bekommt – oder lediglich zu viel Energie aus dem vorhandenen Heu.

Fazit: Kann ein Pferd zu viel Heu fressen? Ja - aber diese Frage greift eigentlich zu kurz.
Ein Pferd kann mehr Energie über Heu aufnehmen, als es benötigt. Besonders leichtfuttrige, wenig bewegte, übergewichtige oder stoffwechselgefährdete Pferde können deshalb bei sehr energiereichem Heu und freiem Zugang an Gewicht zunehmen.
Gleichzeitig ist eine starke Raufutterrestriktion keine automatisch pferdegerechte Lösung.

Deshalb sollten wir wegkommen von der pauschalen Diskussion:
„10 kg, 12 kg oder Heu satt?“ und stattdessen fragen: Welches Pferd frisst welches Heu - und was liefert ihm diese Ration tatsächlich? Denn am Ende zählt nicht allein die Menge im Heunetz. Entscheidend ist, was im Heu steckt - und ob dieses Heu zum Bedarf des Pferdes passt.

Wissenschaftliche Quellen

  • Leishman EM, Sahar M, Cieslar S, Darani P, Ellis JL (2024):What the hay: predicting equine voluntary forage intake using a meta-analysis approach.Animal 18(9):101266. Die Meta-Analyse umfasst 61 Publikationen und zeigt den Einfluss von Raufutterqualität, NDF, Rohprotein, Raufutterart und Tierfaktoren auf die freiwillige Aufnahme.
  • Dulphy JP et al. (1997):Compared feeding patterns in ad libitum intake of dry forages by horses and sheep. Livestock Production Science 52:49–56. Die Pferde nahmen im Mittel etwa 20 g Trockensubstanz/kg Körpergewicht auf; die Aufnahme variierte mit dem Raufutter.
  • Durham AE et al. (2019):ECEIM consensus statement on equine metabolic syndrome.Journal of Veterinary Internal Medicine 33:335–349. Wissenschaftlicher Konsensus zu EMS, Gewichtsmanagement, Energie- und Raufutterrestriktion.
  • Murray MJ, Eichorn ES (1996):Effects of intermittent feed deprivation, intermittent feed deprivation with ranitidine administration, and stall confinement with ad libitum access to hay on gastric ulceration in horses.American Journal of Veterinary Research 57:1599–1603. Untersuchung zum Einfluss von Futterentzug auf Magenschleimhautläsionen.
  • McGreevy PD et al. (2001):Understanding equine stereotypies.Equine Veterinary Journal. Beschreibt unter anderem den Zusammenhang zwischen geringer Raufutterbereitstellung, Haltung und stereotypem Verhalten.
  • Jansson A et al. (2021):Straw as an Alternative to Grass Forage in Horses – Effects on Post-Prandial Metabolic Profile, Energy Intake, Behaviour and Gastric Ulceration.Animals. Untersuchung zum teilweisen Ersatz von Grasraufutter durch Weizenstroh und dessen Einfluss auf Energieaufnahme, Fresszeit und Stoffwechsel.


Man muss das Heu nicht selbst produzieren, um die Gesundheit des Pferdes positiv zu beeinflussen. Wer Raufutter versteht, erkennt Zusammenhänge früher, stellt die richtigen Fragen und trifft bessere Entscheidungen – zum Wohl seines Pferdes.


Weitere Informationen: www.bestofhorsehay.com
Unser Expertenforum: https://www.bestofhorsehay.com/forum/hilfe-1
Unsere Kurse: https://www.bestofhorsehay.com/shop

Best of Horse Hay Raufutterprofi für Pferde© Alle Rechte vorbehalten, BEST OF HORSE HAY


BEST OF HORSE HAY, Corinne Hauser 10. August 2026
Diesen Beitrag teilen
Archiv
Welches Heu bei Hufrehe?
Wissenschaftlich fundierte Empfehlungen zur richtigen Heuwahl.