Vom traditionellen Pferdefutter und auch als Beschäftigungstool in der klassischen Boxenhaltung zum vermeintlichen Abfallprodukt – und vielleicht wieder zurück?
Über Generationen gehörte Stroh ganz selbstverständlich in den Pferdestall. Pferde standen auf Stroh, knabberten daran und nahmen es damit gleichzeitig als Bestandteil ihrer täglichen Ration auf.
Dann verschwand Stroh aus vielen Ställen. Späne, Pellets, Matten und andere Einstreusysteme hielten Einzug, um den Miststock möglichst klein zu halten. Gleichzeitig setzte sich in der Pferdefütterung zunehmend die Vorstellung durch: Raufutter bedeutet vor allem Heu oder Haylage – Stroh ist Einstreu.
Gerade in Zeiten knapper werdender Heuressourcen lohnt sich ein neuer Blick auf einen Rohstoff, der in der Pferdefütterung lange selbstverständlich war.
Stroh ist Raufutter
Stroh besteht aus den trockenen Halmen von Getreidepflanzen nach der Ernte der Körner. Es ist ausgesprochen struktur- und faserreich, weist aber im Vergleich zu gutem Heu eine geringere Energiedichte und meist auch deutlich weniger Protein auf.
Stroh ist eine Chance. Denn nicht jedes Pferd benötigt ein energiereiches Raufutter. Viele Freizeitpferde, leichtfuttrige Rassen und Pferde mit geringer Arbeitsleistung benötigen zwar ausreichend Faser und lange Fresszeiten, gleichzeitig soll die Energieaufnahme jedoch begrenzt werden.
Stroh ist interessant
Eine kontrollierte Studie untersuchte eine Ration, bei der 50 % des Grasraufutters auf Trockensubstanzbasis durch hygienisch einwandfreies Weizenstroh ersetzt wurden. Die Pferde benötigten für die Futteraufnahme länger und nahmen weniger Energie auf. Auch die Insulinkonzentrationen nach der Fütterung waren bei der strohhaltigen Ration niedriger. Die Forschenden sahen darin insbesondere für leichtfuttrige beziehungsweise übergewichtige Pferde einen möglichen Vorteil.
Macht Stroh Koliken und Magengeschwüre?
Eines der Argumente gegen die Verfütterung von Stroh ist die Sorge vor Koliken und Magengeschwüren. Diese Befürchtung ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. Frühere Beobachtungsdaten hatten einen Zusammenhang zwischen Strohverfütterung und Magengeschwüren vermuten lassen.
Die neuere kontrollierte Untersuchung kam jedoch zu einem differenzierteren Ergebnis:
Bei einer Ration aus 50 % Weizenstroh und 50 % Grasraufutter wurde nach drei Wochen keine erhöhte Häufigkeit von Koliken und Magengeschwüren gegenüber der reinen Grasraufutterration festgestellt. Die Autoren kommen deshalb zu dem Schluss, dass hygienisch einwandfreies Weizenstroh bis maximal zu diesem Anteil in die untersuchte Ration integriert werden konnte, ohne Magengeschwüre zu verursachen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass jedes Pferd bedenkenlos 50 % Stroh erhalten sollte. Die Studie umfasste nur sechs Equiden und lief über jeweils 21 Tage. Sie liefert interessante Hinweise – aber keinen Freipass für jede beliebige Strohration. Wir empfehlen einen Strohanteil von maximal 30% der Tagesration in kg.
Stroh verlängert die Fresszeit
Pferde haben ein ausgeprägtes Bedürfnis, über viele Stunden des Tages faserreiches Futter aufzunehmen. Gleichzeitig stehen wir bei leichtfuttrigen Pferden häufig vor einem Dilemma:
Wie ermöglichen wir lange Fresszeiten, ohne zu viel Energie zuzuführen? Einfach weniger Heu zu geben, löst dieses Problem nur teilweise. Die Energieaufnahme sinkt zwar, gleichzeitig können jedoch längere Fresspausen entstehen.
Stroh kann als energieärmere Faserkomponente eine ideale Möglichkeit sein.
In der kontrollierten Studie verlängerte die strohhaltige Ration die Futteraufnahmezeit. Damit könnte Stroh helfen, Faserangebot, Beschäftigung und Energieaufnahme besser miteinander in Einklang zu bringen.
Stroh kann als energieärmere Faserkomponente eine ideale Möglichkeit sein.
In der kontrollierten Studie verlängerte die strohhaltige Ration die Futteraufnahmezeit. Damit könnte Stroh helfen, Faserangebot, Beschäftigung und Energieaufnahme besser miteinander in Einklang zu bringen.
Auch zur Gewichtsreduktion interessant
Eine weitere Studie untersuchte übergewichtige Ponys über den Winter. Insgesamt 40 Tiere erhielten entweder Heu allein oder eine strohhaltige Ration.
Das Ergebnis war bemerkenswert:
Alle 25 Tiere der Strohgruppe verloren Gewicht, im Mittel rund 27 kg. In der reinen Heugruppe verloren dagegen nur 3 von 15 Tieren Gewicht; die Gruppe nahm im Durchschnitt sogar rund 6 kg zu.
Während des Untersuchungszeitraums wurden in beiden Gruppen keine Koliken oder Hufrehe-Episoden beobachtet.
Die Autoren beurteilen Stroh deshalb als kostengünstiges, energiearmes Raufutter, das bei einer kontrollierten Gewichtsreduktion eine interessante Alternative zu einer ausschliesslichen Heufütterung darstellen kann.
Warum ist Stroh trotzdem aus vielen Pferdeställen verschwunden?
Dafür gibt es keinen wissenschaftlich belegten Grund. Vielmehr haben sich Haltung, Stallbau und Pferdefütterung verändert.
Ein wichtiger Faktor dürfte die Entwicklung moderner Einstreusysteme gewesen sein. Holzspäne, Pellets, Matten und andere Materialien ermöglichen ein anderes Mistmanagement und können – abhängig von Materialqualität und Management – Vorteile hinsichtlich Arbeitsaufwand, Lagerung und Stallklima bieten.
Stroh hat 2026 eine ausserordentlich gute Qualität!
Auch das Thema Atemwege spielte eine Rolle. Stroh und trockenes Heu können erhebliche Mengen organischen Staubs, Pilzbestandteile und andere Partikel in die Stallluft einbringen. Untersuchungen zeigen, dass die Kombination aus trockenen Futtermitteln, Einstreu und Stallmanagement die Staubbelastung erheblich beeinflussen kann. In einer kontrollierten Untersuchung waren Staub, Endotoxine und Pilze bei der Kombination Stroh + Heu deutlich höher als bei Holzspänen + Haylage.
Auch das Thema Atemwege spielte eine Rolle. Stroh und trockenes Heu können erhebliche Mengen organischen Staubs, Pilzbestandteile und andere Partikel in die Stallluft einbringen. Untersuchungen zeigen, dass die Kombination aus trockenen Futtermitteln, Einstreu und Stallmanagement die Staubbelastung erheblich beeinflussen kann. In einer kontrollierten Untersuchung waren Staub, Endotoxine und Pilze bei der Kombination Stroh + Heu deutlich höher als bei Holzspänen + Haylage.
Nicht jede Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass Stroh grundsätzlich die staubigste Einstreu ist. Eine andere Studie fand beispielsweise bei Stroh geringere Konzentrationen luftgetragener Partikel als bei mehreren untersuchten alternativen Einstreumaterialien.
Stroh ist nicht gleich Stroh
Genau wie bei Heu darf auch bei Stroh nicht nur auf Farbe und Geruch geschaut werden.
- Stroh, das verfüttert werden soll, muss als Futtermittel betrachtet werden.
- Es sollte hygienisch einwandfrei, trocken, sauber und frei von problematischer Verunreinigung sein. Schimmelbelastetes oder stark staubendes Stroh gehört ebenso wenig in die Pferderation wie hygienisch mangelhaftes Heu.
- Auch die Getreideart spielt eine Rolle. Weizen-, Gersten-, Hafer- oder andere Stroharten sind ernährungsphysiologisch nicht identisch.
Stroh kann Heu ergänzen – aber nicht einfach ersetzen
Wer beispielsweise einen Teil des Heus durch Stroh ersetzt, reduziert nicht nur die Energiezufuhr. Gleichzeitig verändern sich unter anderem die Versorgung mit Protein, Mineralstoffen und weiteren Nährstoffen.
Die Ration muss deshalb weiterhin den Bedarf des jeweiligen Pferdes decken. Ein Sportpferd, ein wachsendes Jungpferd, eine laktierende Stute oder ein älteres Pferd mit eingeschränkter Kauleistung stellt andere Anforderungen als ein leichtfuttriges Freizeitpferd.
Stroh ist deshalb kein pauschaler Heuersatz. Es ist vielmehr eine mögliche Komponente einer bedarfsgerecht zusammengestellten Raufutterration.
Gerade bei knappen Heuressourcen sollten wir uns erinnern
Wenn hochwertiges Pferdeheu knapp wird, liegt die erste Reaktion häufig darin, nach noch mehr Heu zu suchen. Aber: Muss die Raufutterration eines Pferdes zwingend zu 100 % aus Heu bestehen?
Für viele Pferde könnte eine sinnvoll zusammengestellte Kombination aus qualitativ gutem Heu und hygienisch einwandfreiem Stroh eine interessante Möglichkeit sein.
Das könnte mehrere Vorteile miteinander verbinden:
* wertvolles Heu gezielter einsetzen,
* vorhandene Heuressourcen strecken,
* die Energiedichte der Gesamtration reduzieren,
* die Faseraufnahme unterstützen,
* die Fresszeit verlängern,
* und landwirtschaftlich vorhandene Ressourcen sinnvoller nutzen.
Die Forschung zeigt zumindest deutlich: Stroh sollte in der modernen Pferdefütterung nicht pauschal als ungeeignet abgetan werden.
Vielleicht ist nicht das Stroh das Problem – sondern unser Blick darauf
Über Jahrzehnte haben wir Stroh zunehmend aus dem Pferdestall verdrängt und gleichzeitig Heu zum nahezu alleinigen Synonym für Raufutter gemacht. Angesichts knapper Ressourcen, steigender Futterkosten und einer grossen Zahl leichtfuttriger Pferde lohnt es sich, diese Entwicklung zu hinterfragen.
Raufutter sollte differenzierter gedacht werden. Gutes Pferdeheu bleibt eine zentrale Grundlage der Pferdefütterung. Aber qualitativ einwandfreies Stroh kann – passend zum Pferd, zur Heuqualität und zur Gesamtration – ein wertvoller Partner sein.
Man muss das Raufutter nicht selbst produzieren, um die Gesundheit des Pferdes positiv zu beeinflussen. Wer Raufutter versteht, erkennt Zusammenhänge früher, stellt die richtigen Fragen und trifft bessere Entscheidungen – zum Wohl seines Pferdes.
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